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Halle (Saale), 00:20 Uhr Drucken : Empfehlen : Kommentar schreiben

Ich wurde sexuell missbraucht

Themen: Roter Ochse Stasi Katholische Kirche Missbrauch

Norbert Denef über die Übergriffe eines katholischen Pfarrers und seine Zeit im Stasi-Knast Roter Ochse

(ens) „Ich wurde sexuell missbraucht“ – 35 Jahre hat es gedauert, bis Norbert Denef diese Worte über die Lippen kamen. Ein Jahr lang hat er vor dem Spiegel geübt, bis er sich 1993 offenbarte. Zunächst seinen engsten Verwandten, doch die reagierten mit Abneigung. Der Kontakt zur Familie ist seit dem abgebrochen. „Ich existiere seit dem für meine Familie nicht mehr.“ Hart getroffen haben ihn die Worte einer Schwägerin. Solange habe er geschwiegen, da hätte er auch noch „bis zum Lebensende das Maul halten können.“ Es ist immer noch ein Thema, über das man nicht spricht. Gerade nicht in Denefs Heimat Delitzsch. War doch seine Familie eng mit dem Pfarrer befreundet, der ihn jahrelang missbrauchte. Und heute sind seine Brüder in der Kommunalpolitik aktiv, reagierten in einem Artikel in der LVZ, nichts von einem etwaigen Missbrauch mitbekommen zu haben. Stattdessen habe man eine glückliche Kindheit erlebt. Nach Denefs erster Offenbarung im kleinen Kreis dauerte es noch weitere 13 Jahre, bis er sich 2005 an den Spiegel wendete. Viele Zeitungsartikel folgten und auch ein Buch, aus dem Denef am Freitagabend in der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle (Saale) vorlas.

10 Jahre war Norbert Denef alt, als der damalige Delitzscher Pfarrer Alfons Kamphusmann sich erstmals an dem kleinen Jungen verging. Es war im Pfarrhaus, der Gottesmann zog den Jungen zu sich auf den Sessel, öffnete den Hosenstall des Kleinen und berührte dessen Genitalien. Und dabei war Norbert Denef noch wenige Tage zuvor stolz. Endlich sollte auch er Messdiener werden. Doch weitere Übergriffe sollten folgen, von 1958 bis 1964 dauerte sein Martyrium. Im Bistum Magdeburg wusste man von den Verfehlungen des Pfarrers. Mehrfach wurde er zwangsversetzt, so in die Propstei nach Halle oder nach Nordhausen, nach der Wende ins Bistum Limburg. 1998 starb der Pfarrer, ohne dass er sich verantworten musste, in einem Stift in Magdeburg.

Doch Denef ließ nicht locker. Kämpfte für sein Recht und wendete sich an das Bistum Magdeburg. Doch statt einer persönlichen Antwort von Bischof Feige (Denef sagte: „er hießt nicht nur Feige, er ist es auch“) kam ein Brief vom Anwalt. Der zweifelte unter anderem an, ob nach Jahren überhaupt noch Missbrauchsschäden nachweisbar sind und ob sich nach all den Jahren die Situation durch die eigene Familiengründung nicht sowieso normalisiert habe. Für Denef ein Hohn. Das Pikante: bei dem von der Katholischen Kirche engagierten Anwalt handelte es sich um keinen geringeren als um den früheren halleschen Oberbürgermeister Klaus Rauen. Am Ende gab es 25.000 Euro Entschädigung für einen „Seelenmord“. Denef war damit der erste Deutsche, der als anerkanntes Missbrauchsopfer von der Katholischen Kirche eine Entschädigung bekam. Unterzeichnen sollte er im Gegenzug eine Schweigeklausel und sich damit verpflichten, über die Vorwürfe nicht mehr zu sprechen. Doch Denef schwieg nicht, schrieb ein Buch.

Und Denef schweigt auch heute nicht, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Katholische Kirche und auch gegen Papst Benedikt XVI. „Es ist ein eiskaltes System.“ Von Oben herab werde verhindert, dass über das Thema gesprochen wird und die Opfer müssten bluten. Denef hat deshalb eine Petition im Bundestag gestartet, auch um eine Verjährung für Kindesmissbrauch abzuschaffen. 9.000 Menschen haben sich dem bislang angeschlossen. Denn die Leiden enden nicht. Das machte Denef deutlich. Noch heute leidet er unter schweren Depressionen und chronische Schlafstörungen plagen ihn. Und fast jeden Tag denke er an Selbstmord.

Denef informierte die anwesenden Besucher aber auch über seine Zeit im Roten Ochsen. 1966 wurde er in Einzelhaft eingesperrt, weil er Diebstahl an Volkseigentum begangen hatte. Klingeldraht, Schukosteckdosen, Mikrofone im Wert von 3.500 Ostmark ließ er mitgehen. Einen Grund dafür hatte er nicht. Rückblickend betrachtet wohl eine Folge des Missbrauchs. Denef machte während seiner Ausbildung bei der Reichsbahn Bekanntschaft mit einem älteren Lehrling. Erstmals fühlte er sich ernst genommen und begann wie sein Vorbild zu stehlen. Stasi-Knast, 1975 Ausreiseantrag und 1981 Übersiedlung in den Westen – Denef hat sein ganzes Leben niedergeschrieben. Für 10 Euro kann das Buch auf seiner Homepage heruntergeladen werden.

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