Hochschul- und Bildungspolitik war Thema einer Diskussionsrunde der Studentenwerkstatt Triftpunkt
(ens) Am 27. September wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Doch die meisten Wähler sind noch unentschieden. Ein Wörtchen mitzureden in der Wahlentscheidung haben auch die Studenten. Und an sie richtete sich die Veranstaltungsreihe „Aus/Wahl 09“ der Studentenwerkstatt Triftpunkt e.V., die am Mittwoch in Theaterhaus im Malzgarten in Halle (Saale) ihren Abschluss fand. Und das mit einen hochkarätig besetzten Podium. Immerhin waren alle Spitzenkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien gekommen. Mit Christoph Bergner (CDU), Petra Sitte (Linke) und Cornelia Pieper (FDP) stellten sich gleich drei aktuelle Abgeordnete den Fragen von Publikum und Moderation. Eingeladen waren auch Claudia Dalbert (Bündnis 90/Die Grünen) und Johannes Krause (SPD), die beide noch kein Mandat haben, es aber im September mit dem Einzug ins Parlament probieren.
Eine langweilige Veranstaltung, bei der die Kandidaten nur ihre Parteiprogramme abspulen, sollte es nicht werden. Und so hatte man sich bei Triftpunkt einiges einfallen lassen, wenn auch aus Zeitgründen nicht alle Ideen umgesetzt werden konnten. Gleich im ersten Punkt ging es darum, den idealen Studenten zu beschreiben. Das Besonderer: drei Studenten der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein brachten die Meinungen der Politiker auf Papier - als Porträt.
Neugierig sollte ein Student sein, konnte Claudia Dalbert sofort erklären. Ein idealer Student gehe mit offenen Augen und Ohren durch die Welt. Daneben sollte er Intelligenz, Fleiß und Engagement mitbringen. „Und für Dinge interessieren, die über das Studium hinaus gehen“, so Dalbert. Punkte, bei denen auch Petra Sitte zustimmen konnte. Wissensbegierig und kommunikativ ist laut Sitte der ideale Student. Allerdings solle er auch die Fähigkeit entwickeln können, die allgemein gültige Lehrmeinung kritisch zu hinterfragen. Aber auch lange Nächte mit Rotwein und Bier gehören laut Sitte zu einem idealen Studenten dazu. SPD-Mann Johannes Krause sprach Offenheit und Selbstbewusstsein an. Allerdings müsse der ideale Student auch bereit sein, die Rechte und Pflichten anzunehmen. „Den“ idealen Studenten gibt es für Cornelia Pieper nicht. „Wir leben von der Vielfalt.“ Jeder müsse seinen eigenen Weg gehen. Ideal - auch für Christoph Bergner nicht das optimale Wort, eher eine Typisierung. Doch dann sprudelte es doch aus ihm heraus. Ein breites Spektrum müsse der ideale Student abdecken, und wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Außerdem solle er ein Grundbedürfnis nach gesichertem Wissen mitbringen. Dafür musste sich Bergner etwas Kritik aus dem Publikum gefallen lassen. Der CDU-Mann verbesserte sich daher etwas. Das Grundbedürfnis nach gesichertem Wissen bedeute nicht, dass dieses statisch bleibe.
Schnell landete die Diskussion anschließend beim Thema Bologna-Prozess. Bergner kritisierte die „Bolognisierung“ der Studiengänge. Die internationale Vergleichbarkeit der Studiengänge sei zwar eine gute Absicht. Doch der Zentralismus, mit dem die Bologna-Ziele umgesetzt worden, habe kaum Spielraum gelassen. Es sei ein Klima geschaffen worden, bei dem alle mitmachen mussten. „Ein Klima der Gleichmacherei.“ Universitäten hätten keine Freiheiten gehabt, beim Diplom zu bleiben. Nicht geklärt sei zudem die Frage, wie sich die Bachelor- und Master-Abschlüsse in das Berufssystem eingliedern, auch sei durch die Einführung von Bachelor und Master die internationale Vergleichbarkeit nicht besser geworden. Grundsätzlich sei ein gemeinsames europäisches Hochschulsystem richtig. „Aber die Idee, es ähnlich zu nennen, um so die Internationale Vergleichbarkeit herzustellen, ist falsch.“ Eine Verfechterin von Bologna ist hingegen Cornelia Pieper. „Bologna ist richtig und gut“, erklärte die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende. Es gehe darum, die deutschen Abschlüsse international zu vermarkten und anzuerkennen sowie Europa zu einer dynamischen und wissensorientierten Region zu machen. Das es Probleme bei der Umsetzung gab und gibt, stritt auch Pieper nicht ab. „Die Hochschulpolitik wird immer noch zu viel von Finanzministern gemacht.“ Daneben sei Bologna zu schnell und falsch umgesetzt worden. Das große Problem ist auch für Petra Sitte die mangelnde finanzielle Ausstattung der Hochschulen. Bereits vor 10 Jahren habe sie Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz darauf hingewiesen, dass man bei der Umsetzung von Bologna mehr Personal brauche, Olbertz habe dies abgestritten. Ein großes Problem sei aber auch, dass viele Studenten nach ihrem Bachelor-Abschluss das Studium verunsichert verlassen. „Der Bachelor wird nicht angenommen.“ Ihre Forderung: Bachelor und Master neuorganisieren und evaluieren. Verlorengegangen sei offenbar auch das damalige Versprechen, dass Studenten das Studium selbst zusammenstellen könnten. Wie Sitte sieht auch Johannes Krause ein Problem in der mangelnden Information. Es sei höchste Zeit, dass eine bessere Kommunikation stattfindet. Er erinnerte aber auch an die politischen Stimmen, die für die Einführungen des Systems und die Verschulung des Studiums kämpften, weil in Deutschland zu lange studiert wird. Im Durchschnitt ist ein deutscher Absolvent 29 Jahre alt.
Einwürfe aus dem Publikum zeigten, dass das neue System auch bei den Studenten nicht gut ankommt. Eine Studentin beschrieb den idealen Studenten: ein neugieriger und engagierter Teilzeit- und Langzeitstudent, der mindestens 6 bis 7 Jahre an der Uni ist. Ein Student regte an, dass sich Europa stark machen sollte und einfach mal etwas anderes machen sollte als die USA.
Seinen Abschluss fand die anderthalbstündige Diskussion mit einem Ausblick in die Utopie. 1,2 Prozent fließen derzeit aus dem Bundeshaushalt in die Bildung. Von den anwesenden Politikern wollte die Moderatorin wissen, wie sie denn die Ausgaben neu verteilen würden. Für Petra Sitte ist vor allem ein neues Wertekonzept nötig. Daneben würde sie sich dafür einsetzen, die Gelder nicht nur an Hochschulen zu verteilen, sondern immer die Bildung von der Kita bis hin zur Weiterbildung im Blick zu haben. Vor allem in die frühkindliche Bildung würde die Linke-Bundestagsabgeordnete investieren. Auch Johannes Krause sprach sich für den ganzheitlichen Ansatz aus, um so die Chancengleichheit zu verbessern. Nur 18 Prozent aller Kinder aus Arbeiterfamilien würden später studieren. Finanzieren will Krause die Mehrausgaben mit einer Sondersteuer für Besserverdiener. Das kann laut Cornelia Pieper das Problem nicht lösen. Schließlich sei Sachsen-Anhalt das Land mit den niedrigsten Einkommen, die Millionäre könne man an einer Hand abzählen. Klar ist aber auch für Pieper: es braucht mehr Geld für Bildung und Forschung. Die Priorität würde auch sie auf die frühkindliche Bildung legen. Dazu zählen für Pieper auch Sprachtests am Ende des vierten Lebensjahres und die Begabungsförderung mit Hilfe von Bildungsgutscheinen. „Das würde weniger als die Abwrackprämie kosten.“ Doch ein Grundsatzproblem sei die Kompetenzfrage. „Bildung ist eine nationale Frage“, so die Forderung von Pieper. „Wir müssen ganz unten anfangen“, forderte auch Claudia Dalbert. Man müsse erreichen, dass die Kitas ihren Bildungsauftrag ernster nehmen. Die Schule will Dalbert so gestalten, dass individuelles Lernen möglich ist. Die Föderalismusreform in der Bildung bezeichnete sie als „Todsünde.“ Und wie schon ihre Vorgänger forderte sie mehr Geld für die Bildung, erreichbar zum Beispiel durch eine Vermögenssteuer. Daneben müsse ein anderer Investitionsbegriff her. „Investitionen nicht nur in Mauern, auch in Köpfe.“ Die Idee: ein Bildungs-Soli. Christoph Bergner sieht vor allem ein Problem darin, dass es die Tendenz gebe immer neue Forschungsprogramme aufzulegen und sich die Wirtschaft immer mehr zurückziehe. „Öffentliche Mittel für öffentliche aufgaben“, so Bergners Forderung. Ein auferlegtes Ziel der Regierung ist es, bis 2015 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts für Bildung und Forschung auszugeben. „Ein anspruchsvolles Ziel.“ Allerdings mahnte Bergner auch, die Kosten im Blick zu halten. Es könne nur das ausgegeben werden, was auch reinkomme.
Am Ende gab es vom Triftpunkt für die fünf Teilnehmer zum Dankeschön noch Topfblumen und jeweils einen symbolischen Quadratmeter im Triftpunkt-Domizil im Wächterhaus in der Triftstraße. „Eine spannende WG“, scherzte ein Besucher hinterher.
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