Thalia-Inszenierung "Opferpopp II" als Gastspiel im Leipziger SKALA Theater
Die Erfolgsgeschichte des viel beachteten und oft geächteten Theaterstücks aus der Feder des Filmregisseurs Mirko Borscht („Kombat Sechzehn“) geht auch 3 Jahre nach der Premiere im Thalia Theater in Halle (Saale) weiter. Am 10. und 11.01.2009, jeweils um 20:00 Uhr, steht das so genannte „Problemkind-Ensemble“ in Leipzig im SKALA Theater auf der Bühne.
Vieles hat sich seit 2006 geändert. Die damals meist noch minderjährigen Laienschauspieler sind erwachsen geworden, viele haben durch das Projekt an Erfahrung gewonnen, welche sich in ihren persönlichen Lebensgeschichten nun widerspiegelt. Es werden Schulabschlüsse nachgeholt, es wird an Zukunftsperspektiven gebastelt. Die bewusste Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen, mit Machtverhältnissen und Politik, mit Freundschaft und Feindschaft, mit Generationskonflikten und Identität hat jeden einzelnen „Opferpopper“ vorangebracht. Bei manchen stellte sich die Weiterentwicklung schleichend und selbständig ein, bei anderen folgte der „große Knall“ durch Einwirkung von außen. Lob und Kritik waren die wenigsten gewöhnt. Und auch das emotionale Tief nach der letzten Vorstellung war eine immense Herausforderung für alle Beteiligten.
Monatelang arbeitete man auf engstem Raum miteinander, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit (z.B. zu den Proben) mussten regelrecht erst erlernt werden, kleine gegenseitige Sticheleien wurden durch Worte und nicht durch Fäuste geklärt und am Ende stand man Hand in Hand vor dem erstaunten und Respekt zollenden Publikum. Das schweißt zusammen, auch wenn jeder sein eigenes Leben außerhalb dieser Gruppe hat.
Nach dem begeisternden Gastspiel im Hamburger Kampnagel-Theater im Dezember 2007 kam lange Zeit nichts. Und plötzlich meldete sich das Institut für Friedenspädagogik in Tübingen (Baden-Württemberg) und verlieh dem Opferpopp-Ensemble im Herbst letzten Jahres den „Hans-Götzelmann-Preis für Streitkultur“. Die nächste positive Überraschung für die „Opferpopper“ folgte fast zeitgleich. Das SKALA Theater aus Leipzig meldete sich bei Mirko Borscht und bot 2 Termine für ein Gastspiel im Januar 2009 an.
Mit Elan und unbändiger Freude bereitete sich jeder auf die anstehenden neuen Proben vor, als das passierte, was unzählige Male auf der Bühne gespielt wurde und im echten Leben der Glückssträhne ein jähes Ende bereitete. Das Elternteil, dargestellt durch den Ruhrpott-Berliner Jürgen Drenhaus, verstarb im November und versetzte alle „Opferpopper“ in eine Art Schockstarre. Trotz der niedergeschlagenen und sensiblen Stimmung im Team musste das Stück folglich in kürzester Zeit umgeschrieben, umbesetzt und komplett neu eingeübt werden, damit man den Leipzigern diese Arbeit überhaupt präsentieren kann. Eine extreme Herausforderung, besonders für den Regisseur.
Aus „Opferpopp“ wurde „Opferpopp II (Retardenrepublik)“.
Die Grundgeschichte bleibt dieselbe. Ein Kind nagelt verzweifelt sein Elternteil an ein Kreuz, um dessen Missachtung und Ignoranz zu bestrafen und Aufmerksamkeit sowie Liebe zu bekommen. Zu ihm gesellt sich eine Gruppe jugendlicher Gewalttäter, die sich in dieser Situation pudelwohl fühlt. Das ganze Spektakel wird durch einen sensationsgierigen Fernsehmoderator beobachtet und in die Öffentlichkeit gebracht. Ein exotisches Mädchen wird vom Fernsehstar adoptiert und wie ein Lustobjekt gehalten, bis das Kind mit den anderen Kindern sympathisiert. Die Ereignisse überschlagen sich, ähnlich unkontrollierbar, manipulierend und überspitzt wie die Medienberichterstattung, die unsere Gesellschaft wie eine Fernbedienung durchs Leben steuert.
Als schlechtes Gewissen, welches man zu gerne sofort wieder loswerden will, taucht Marcel Reich Ranicki (dargestellt durch Andrej Kaminsky) in der neuen Fassung von „Opferpopp“ auf und bildet einen interessanten Part zwischen dem egozentrischen Olaf D. Obst (Christian Bayer) und dem Elternteil (neu: Jan Gebauer). Nur die Kinder, allen voran die ehemalige Gebärmaschine (Anne Ehrhardt), finden das alles zum Kotzen und üben den Befreiungsschlag auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz im Leben. Ob und wie es ihnen gelingt, lässt sich am nächsten Wochenende im SKALA Theater in Leipzig ansehen und nachfühlen. Dem Publikum wird unempfindliche Kleidung empfohlen.
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