Vermischtes
Klimaschutz ist mehr als Zahlen
geschrieben am: 29.06.2008 09:30

"Sonne, Wind & Wir" machte Station in Halle. Klimaforscher Peter Lemke, Ex-Bundesumweltminister Jürgen Trittin und BP-Vertreter Ruprecht Brandis diskutierten über Klimaschutz, Erderwärmung und CO2.

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(ens) In dieser Woche hat Klimatour 2008 „Sonne, Wind & Wir" der Heinrich-Böll-Stiftung Station in Halle (Saale) gemacht. Der Veranstaltungsraum im Volkspark war bis auf den letzten Platz gefüllt, und gespannt folgten die rund 300 Zuschauer der Filmvorführung und anschließenden zweistündigen Debatte.

Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin machte zunächst einmal deutlich, dass Klimaschutz weit mehr ist als nur Zahlen auf Papier. Zahlen und Akronyme, damit kennt sich Trittin aus, ist er doch zu seinem Amtsantritt als Minister selbst damit konfrontiert wurden. Vieles habe sich seit dem geändert, Klimaschutz stößt in einer breiten Öffentlichkeit auf Verständnis – doch nicht alle „verstehen“ den Klimaschutz auch. Die Klimaschützer hätten das Problem, den Menschen dieses Problem verständlich nahe zu bringen.

Dabei ist das wichtig, wie Klimaforscher Peter Lemke deutlich machte. „Die Erwärmung wird stärker fortschreiten als bisher angenommen.“ Vor allem bedingt durch den noch immer steigenden CO2-Ausstoß, so Lemke. „Die zwei bis vier Grad sind eigentlich nicht so schlimm. Aber die Wetterkapriolen werden zunehmen durch die Verschiebung der Klimazonen, Ökosysteme verändern sich.“ Deutschland sieht Lemke für den Klimawandel gut gerüstet – weil es finanziell zu den reichsten Ländern zählt. Ganz anders die Situation Bangladesch und auf den Malediven, die zum großen Teil in den Meeresfluten versinken würden. Daneben wird der Klimawandel auch die Arktis treffen, das Eis schmelzen und der Permafrostboden tauen. Nicht ohne Probleme. Bereits jetzt nagen die Meereswellen an den Küsten der auftauenden Permafrost-Regionen. Erste Siedlungen mussten deshalb schon aufgegeben werden.

Gerade die Industrienationen haben sich das Ziel gesteckt, die globale Erwärmung auf maximal 2 Grad zu beschränken. Ein ehrgeiziges Ziel. „Aber nicht einzuhalten“, meinte Lemke. „Wir sind dabei, die Grenzwerte zum Klimawandel auf einen gefährlichen Pfad zu bringen.“ Ähnlich sah das Jürgen Trittin. „Um den CO2-Anstieg zu stoppen müssen wir bis 2050 den weltweiten Ausstoß halbieren.“ Gerade die Industrienationen sieht er dabei in der Pflicht. Im Weltdurchschnitt verbrauchen die Menschen 4 Tonnen CO2, in Deutschland seien es 14 Tonnen. Wie das erreicht werden kann? „Wir müssen den Transport komplett auf erneuerbare Energien umstellen.“ Damit liegt er auf einer Linie mit Peter Lemke, der die nachhaltige Entwicklung von Hybriden forderte. Bis zu 80 Prozent seines CO2-Ausstoßes muss Deutschland Jürgen Trittin zufolge einsparen. „Die ersten Einsparungen sind immer die leichten, später wird’s teuer.“ Denn Klimaschutz kostet auch Geld. 1 bis 2 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts seien nötig um gegenzusteuern. Doch gut angelegtes Geld, wie Trittin findet. Schließlich kostet es das 5 bis 20fache, wann man nichts unternimmt und die Klimakatastrophen uns treffen.

Gekommen war auch Dr. Ruprecht Brandis von der Deutschen BP. Er stellte sich den Fragen und Vorwürfen des Publikums. Das sich die Erde erwärmt, dem stimme er zu. „Aber wir können nicht einfach den Schalter umlegen. Die Menschen erwarten einen gewissen Lebensstandard.“ Zunehme werde Brandis zufolge auch der Energiehunger, bis 2030 um 50 Prozent. Und in den nächsten 20 bis 30 Jahren, so schätzt er, werden auch weiterhin 80 bis 90 Prozent der Energie aus fossilen Brennstoffen erzeugt. „Da müssen wir der Realität ins Auge blicken.“ Ausweichende Antworten lieferte Brandis auf die Frage, ob denn das Abschmelzen der Pole nicht ideal für die Ölkonzerne sei, lagern doch dort riesige Ölreserven. „Solange die Nachfrage nach Öl steigt wird es auch Firmen geben die dort bohren.“ Solange es diese Nachfrage gebe, sollte man die Förderung beibehalten, parallel dazu aber massive in erneuerbare Energien investieren. Das macht auch BP, doch noch lassen die Zahlen Spielraum. Werden in den konventionellen Energiesektor 15 Milliarden Dollar jährlich gesteckt, sind es für alternative Energien nur 1,5 Milliarden Dollar. Ziel sei es, bis 2015 rund 6 Milliarden Dollar zu investieren. „Erneuerbare Energien werden zunehmend interessant.“ Daneben unterstütze man die geplante Biodiesel-Beimischung von 10 Prozent. „Mich wundert es, wie wenig flexibel die großen Konzerne sind“, sagte Gesine Haerting, die im Publikum saß. Von Arbeitslosen werde verlangt, so flexibel wie möglich zu sein. Dies könnte man auch von großen Konzernen verlangen. Haerting forderte mehr Investitionen in alternative Energien. Aber nicht Biodiesel, „das ist daneben“, sondern zum Beispiel in die Nutzung der Sonnenenergie. Doch darauf wollte sich Brandis nicht einlassen. Das Geld gehöre den Aktionären und diese und nicht Umweltschützer und Politik hätten zu entscheiden, was mit dem Geld passiert.

Angesprochen wurde von Brandis auch das Thema Co2. Kohlendioxid sei in der unternehmerischen Kalkulation derzeit nicht enthalten, durch den Emissionshandel ändere sich dies aber langsam. Für Peter Lemke auch dringend nötig. „CO2 ist Müll und dafür müssen wir Müllgebühren zahlen.“ Dass CO2 keinen Preis hat bestätigte auch Jürgen Trittin. „Die Kosten werden sozialisiert und auf die Gesellschaft umgelegt.“ Unternehmen dürften nicht Profite auf Kosten der Allgemeinheit machen, so der frühere Bundesumweltminister. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch die Klimaschutz-Einigung im Flugverkehr. Nur 15 Prozent der CO2-Zertifikate würden versteigert, den Rest bekämen die Unternehmen zugewiesen.

In letzter Zeit wird wieder verstärkt in den Bau neuer Kohlekraftwerke investiert – aber auch verstärkt dagegen protestiert. Für Lemke ein zweischneidiges Schwert. „Wer protestiert muss auch bereit sein auf Energie zu verzichten.“ Für die Umwelt sei es besser, ein altes Kraftwerk von Netz zu nehmen und dafür ein neues zu bauen. Doch genau hier liegt das Problem. Denn die neuen Kraftwerke kommen zusätzlich hinzu. Eine Regelung zu den CO2-Lizenzen macht es möglich. „Die große Koalition hat Anreize geschaffen, um neue Kraftwerke zu bauen.“, kritisierte Trittin. Er sei nicht gegen die sofortige Stilllegung von Kohlekraftwerken, „aber Erneuerung statt Zubau.“ Das neue Kraftwerke benötigt werden bezweifelte Trittin. „Wir haben keine Stromlücke, das ist eine Stromlüge.“ Der 20. Dezember vergangenen Jahres sei der Tag mit dem höchsten Stromverbrauch gewesen. „5 Atomkraftwerke standen still, trotzdem haben wir noch die Leistung zweier Atomkraftwerke exportiert.“ Zufrieden zeigte sich der Grünen-Politiker aber mit der Entwicklung erneuerbarer Energien. Als er seinen Ministerjob antrat, kam gerade einmal 4 Prozent des Stroms aus alternativen Energien. „Ich hatte für 2010 einen Anteil von 10 Prozent geschätzt, heute sind es bereits 15 Prozent.“ Das liegt auch ein bisschen an den Energieunternehmen, die sich in letzter Zeit verstärkt in diesem Sektor engagieren. In den 80ern und 90er war das nicht interessant, weil der Ölpreis bei einem Zehntel des heutigen Preises lag. Die teureren alternativen Energien wären deshalb betriebswirtschaftlich nicht akzeptabel gewesen, sagte BP-Vertreter Brandis. „Wir sind ein Unternehmen das Geld verdienen will.“

Auch die Fleischproduktion hat Folgen für das Klima. Denn Deutschland produziert weniger Futtermittel als es braucht, lässt die Tiernahrung aus Südamerika einfliegen, die dort auch gerodeten Urwaldflächen angebaut wird. Und der Parmaschinken, für den die Ferkel in Mecklenburg-Vorpommern auf die Welt kommen, im Emsland gemästet und in Italien geräuchert werden, um dann zurück nach Deutschland gebracht zu werden, hat keinen unwesentlichen Anteil. „Damit muss man Schluss machen. Wir brauchen wieder regionale Lebensmittelkreisläufe.“

Eine Zuschauerin bemängelte, dass Anreize für das Energiesparen fehlen. Trittin hätte hier gern eine Regelung aus Japan übernommen. Dort wird das energieeffizienteste Gerät als Standard genommen, an dem sich alle anderen Hersteller orientieren müssen. Größte Stromschlucker sind noch immer Standby-Geräte. Zwei bis drei große Kraftwerke könnte man einsparen, wenn der Verbrauch auf 0,5 Watt gesenkt werden würde. Doch auch im Bereich Verkehr gibt es einigen Nachholbedarf. „Wir subventionieren die großen Autos“, bemängelte Trittin. Denn bislang können die Unternehmen die Kosten für Dienstwagen komplett von der Steuer absetzen. „Jeder Porsche Cayenne wird mit 54.000 Euro subventioniert“, sagte Trittin und forderte zugleich, künftig nur noch Autos mit geringerem Verbrauch als Dienstwagen steuerlich zu fördern. Das betrifft auch die Dienstwagen der Ministerien. Er sei der erste Minister gewesen, der auf ein Hybrid-Auto umgestiegen sei.

Gezeigt wurde auch die BBC-Dokumentation „Wenn der Golfstrom versieht“. Befürchtet wurde in dem Film eine neue Eiszeit durch das Ausbleiben des für unser mildes Klima wichtigen Meeresstroms. „Der Golfstrom wird ein bisschen überbewertet“, sagte Klimaforscher Peter Lemke. Mittlerweile gebe es neue Arbeiten, einige Aussagen aus dem 8 Jahre alten Film seien überholt. „Eine Eiszeit wird so schnell nicht kommen.“ Diese baue sich über 80.000 Jahre auf. Wohl aber müsse man mit einer Reduktion des Golfstroms rechnen, 25 Prozent in den nächsten 100 Jahren, schätzt Lemke. „Aber darüber werden wir bei einer gestiegenen Durchschnittstemperatur froh sein.“ Doch in Sicherheit sollten wir uns laut Lemke nicht wiegen. „Wie Intensität der Stürme und Naturkatastrophen wird zunehmen.“


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