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Weiterhin Unruhe im Jugendamt Halle

Themen:

Protokoll belegt Ohnmacht, Resignation und Wut unter Mitarbeitern, Jucon wird kritisiert

(ens) Im Jugendamt Halle (Saale) herrscht weiterhin Unruhe. Ein Protokoll der Beratungsfirma START, deren Geschäftsführer Klaus Roth die Stadtverwaltung bei der Umstrukturierung des Jugendamtes unterstützt, belegt die Vorwürfe aus Mitarbeiterbriefen, die das Halleforum vor einigen Wochen veröffentlicht hatte. Die Mitarbeiter protestierten darin unter anderem gegen eine Budgetsenkung bei den "Hilfen zur Erziehung" um 20 Prozent. Die 314 Heimkinder der Saalestadt sollten zudem einer Dienstanweisung zufolge in ihre Familien zurückgeschickt werden. Erst nach 12 Wochen hatte Szabados durch den öffentlichen Druck die Anweisung zurückgenommen. Nach Außen hin wurde dies mit mißverständlichen Äußerungen in der Dienstanweisung begründet.

Teamentwicklung habe bisher nicht stattgefunden, heißt es in dem START-Schriftstück. "MitarbeiterInnen erleben den Wegfall ihrer vertrauten und bewährten Arbeitsstruktur. Sie sehen sich in ein Team versetzt, dass aus ihrer Sicht keine fachliche und organisatorische Verbesserung darstellt." Kernaussage der Mitarbeiter "Das Alte ist aufgelöst bzw. weggefallen und das Neue nicht entwickelt." Und auch fehlende Rahmenbedingungen bemängeln die Mitarbeiter. Besonders in den Teams im Süden der Stadt gibt es enorme Probleme. Fehlende Sekretärinnen, acht Telefonleitungen für 40 Apparate und immer höherer Verwaltungsaufwand werden von den Mitarbeitern kritisiert. Vor allem aber bemängeln sie nicht funktionierende Teile der Hilfeplansoftware "Jucon". Die Start gGmbH hatte die ebenfalls aus Bernburg stammende Herstellerfirma Soconic bei der Entwicklung der Software unterstützt.

Die Mitarbeiter im Jugendamt fühlen sich zudem alleingelassen und "haben vielfach das Gefühl, dass ihre Fragen, ihre kritischen Anmerkungen, ihre Bedenken, ihre Anregungen und Lösungsvorschläge auf der Leitungsebene nicht aufgenommen und in den Entwicklungsprozess einbezogen werden." Oft werde auf diese Eingaben sogar gar nicht reagiert, so die Vorwürfe. Immer öfter beklagen die Mitarbeiter auch die hohe Arbeitsbelastung. Die Umstrukturierung, die Teamzusammensetzungen und die unterschiedlichen Standorte bedeuten, so die Mitarbeiter, einen immensen zusätzlichen Arbeitsaufwand. Auch eine klare und gelebte Kommunikationsstruktur und einen durchgängigen Informationsfluss von den Teams über die Ressortleitungen bis zur Fachbereichsleitung wird von den Mitarbeitern vermisst. "Es gibt anscheinend die Anordnung, dass nicht mehr ressortübergreifend gearbeitet werden soll", heißt es in dem Gutachten weiter.

Angezweifelt wird auch der Erfolg von Einsparungen im Jugendhilfebereich durch eine sozialräumlich orientierte proaktive Arbeit des Fachbereiches. "Es wird von der Leitungsebene der Eindruck erweckt, dass mit der jetzt einsetzenden Arbeit der Quartiersrunden die Zahl der Problemfälle / HzE gen Null geführt wird und somit Kosten immens gesenkt werden können. Diese Erwartungshaltung (die aus Sicht von MitarbeiterInnen nicht nachvollziehbar ist) macht einen immensen Druck, der die Kreativität, die Motivation und das Engagement der MitarbeiterInnen lähmt", schreibt die START gGmbH in dem Bericht weiter."Sozialraumorientierung anderer Fachbereiche und Institutionen/Organisationen ist notwendig, aber nicht vorgesehen." Ein Beispiel dafür sei die mangelnde Zusammenarbeit mit Fallmanagern der Arge.

Johannes Herwig-Lempp, einer der schärfsten Kritiker des Konzepts, fordert von Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados, die Zusammenarbeit mit der START gGmbH von Klaus Roth sofort zu beenden. "Er hat durch seine Art der Beratung diese gegenwärtige Situation erst möglich gemacht und bei den Freien Trägern und offensichtlich auch bei den Mitarbeitern des Jugendamts jegliches Vertrauen in seine Beratungskompetenz verloren", so Herwig-Lempp. Roth vermenge zudem als einerseits Berater der Stadt und andererseits Geschäftsführer des Halleschen Jugendhilfeträgers "Jugendwerkstatt Frohe Zukunft" und möglicher Nutznießer vorausgegangener eigener Beratungen unterschiedliche Interessen in nicht hinnehmbarer Weise, so Herwig-Lempp. Zurückziehen soll die Stadt auch das Fachkonzept, das die "radikale Umstrukturierung" des Jugendamts veranlasst hat.

Herwig-Lempp geht auch auf Vorwürfe von Oberbürgermeisterin Szabados, Amtsleiter Rochau, Berater Roth und einzelner Stadträte ein. Diese würden immer wieder gegenüber Journalisten betonen, "dass meine Lebensgefährtin im Jugendamt arbeitet. Dies ist richtig, allerdings ist dies nicht, wie unterstellt, der Anlass für mein Engagement. Auch ist nicht zutreffend, dass meine Lebensgefährtin mich mit Interna versorgt. Meine Informationen habe ich vor allem aus öffentlich zugänglichem Material (Jugendhilfeausschusssitzungen, Medienberichte, Dokumente) sowie durch persönliche Kontakte zu vielen SozialarbeiterInnen im Jugendamt und bei den Freien Trägern in Halle, von denen sich viele an mich wenden, weil auch sie sehr besorgt sind über die Entwicklung."

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