Donnerstag, 17. Mai 2012
Halle (Saale), 27.01.2008 21:30 | eseppelt |
Gedenken
Brillenputzen für klaren Blick
(ens) Zum 63. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz haben am Sonntag in Halle (Saale) zahlreiche Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus stattgefunden. Beginn war um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Marktkirche. Superintendent Eugen Manser vom Evangelischen Kirchenkreis Halle kritisierte in seiner Begrüßung, dass viele bei Rechtsextremismus nicht hinsehen wollen oder ihn als Ausnahmeerscheinung abtun. "Wir wollen heute hinsehen", so Manser. Erschreckend sei, wie groß die Sehnsucht nach einem starken Führer ist. Allen die voll Haß sind müsse man nun die Augen öffnen.
Pastorin Dr. Irene Schiefke-Taatz aus Eisenach, die den Gottesdienst leitete, sparte nicht mit Eigenkritik an der Kirche. So hätten Untersuchungen ergeben, dass 20 Prozent der evangelischen Christen rechtes Gedankengut aufweisen. Damit liege man zwar im Durchschnitt der Gesellschaft. "Aber eben auch nicht darunter." Aber eigentlich sei dieses Ergebnis mit dem Zeugnis der Bibel nicht vereinbar, ein Christ könne nicht in rechtsextremen Parteien mitarbeiten. "Wir müssen uns gegen die Ideologie der Ungleichheit wenden", forderte Schiefke-Taatz. Wenn Ausländer verfolgt werden, müsse man als Einzelner aktiv werden, helfend eingreifen und die Polizei verständigen.
Und auch die zunehmende Unterwanderung von Freiwilligen Feuerwehren und Sportvereinen durch Rechtsextreme prangerte Schiefke-Taatz an. Parteien wie die NPD würden damit versuchen, ihre Ideologie salonfähig zu machen. "Das können wir nicht hinnehmen." Linke bis rechte Demokraten müssten deshalb im Kampf gegen Rechtsextremismus zusammenstehen, so die Pastorin.
Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados forderte, auch in der Bildung mehr im Bereich Rechtsextremismus zu tun. "Wir müssen die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wachhalten." In ihrem Amt als Oberbürgermeisterin werde sie oft mit rechter Gewalt konfrontiert. "Den Rattenfängern, die es besonders auf junge Menschen abgesehen haben, muss man etwas entgegenhalten."
Im Anschluß an den Gottesdienst startete die Evangelische Kirche Mitteldeutschland ihre neue Aktion "Nächstenliebe verlangt Klarheit". An einer übergroßen Brille in der Marktkirche galt es, diskriminierende Sprüche mit Brillenputztüchern "wegzuwischen". Dazu zählten aufgebrachte Parolen wie "Ausländer kommen nach Deutschland, um den Sozialstaat auszunutzen" oder "Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten".
Gleich danach lud die Stadt die Hallenser zur offiziellen städtischen Gedenkstunde in die Ulrichskirche ein. Das collegium instrumentale der Staatskapelle Halle spielte die Sinfonische Serenade op.39 von Erich Wolfgang Korngold und die Kammersinfonie op. 110a von Dmitri Schostakowitsch. An diesem 27. Januar spielte die Zahl "27" auch eine weitere Rolle in Halle, wie Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados in der Konzertpause deutlich machte. Von einst über 1.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zu Halle blieben nach dem II. Weltkrieg gerade einmal 27 übrig. Schüler des "Johann Gottfried von Herder"-Gymnasiums Halle haben die Spuren des einst blühenden jüdischen Lebens in Halle recherchiert und berichteten über ihr Projekt "Jüdische Spuren in Halle", dessen Ergebnisse auch schon bei der Verlegung von Stolpersteinen in Halle Anwendung fanden.
Seinen Ausklang fand der Gedenktag am Nachmittag auf dem Getraudenfriedhof. Am Gedenkstein für die 679 vom nationalsozialistischen Staat Gemordeten legten zahlreiche städtische Vertreter - neben Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados auch der Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium Christoph Bergner und Bernhard Bönisch (beide CDU), Bodo Meerheim und Ute Haupt (Linke), Gottfried Köhn (SPD) sowie Vertreter der Gedenkstätte "Roter Ochse".





Pastorin Dr. Irene Schiefke-Taatz aus Eisenach, die den Gottesdienst leitete, sparte nicht mit Eigenkritik an der Kirche. So hätten Untersuchungen ergeben, dass 20 Prozent der evangelischen Christen rechtes Gedankengut aufweisen. Damit liege man zwar im Durchschnitt der Gesellschaft. "Aber eben auch nicht darunter." Aber eigentlich sei dieses Ergebnis mit dem Zeugnis der Bibel nicht vereinbar, ein Christ könne nicht in rechtsextremen Parteien mitarbeiten. "Wir müssen uns gegen die Ideologie der Ungleichheit wenden", forderte Schiefke-Taatz. Wenn Ausländer verfolgt werden, müsse man als Einzelner aktiv werden, helfend eingreifen und die Polizei verständigen.
Und auch die zunehmende Unterwanderung von Freiwilligen Feuerwehren und Sportvereinen durch Rechtsextreme prangerte Schiefke-Taatz an. Parteien wie die NPD würden damit versuchen, ihre Ideologie salonfähig zu machen. "Das können wir nicht hinnehmen." Linke bis rechte Demokraten müssten deshalb im Kampf gegen Rechtsextremismus zusammenstehen, so die Pastorin.
Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados forderte, auch in der Bildung mehr im Bereich Rechtsextremismus zu tun. "Wir müssen die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wachhalten." In ihrem Amt als Oberbürgermeisterin werde sie oft mit rechter Gewalt konfrontiert. "Den Rattenfängern, die es besonders auf junge Menschen abgesehen haben, muss man etwas entgegenhalten."
Im Anschluß an den Gottesdienst startete die Evangelische Kirche Mitteldeutschland ihre neue Aktion "Nächstenliebe verlangt Klarheit". An einer übergroßen Brille in der Marktkirche galt es, diskriminierende Sprüche mit Brillenputztüchern "wegzuwischen". Dazu zählten aufgebrachte Parolen wie "Ausländer kommen nach Deutschland, um den Sozialstaat auszunutzen" oder "Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten".
Gleich danach lud die Stadt die Hallenser zur offiziellen städtischen Gedenkstunde in die Ulrichskirche ein. Das collegium instrumentale der Staatskapelle Halle spielte die Sinfonische Serenade op.39 von Erich Wolfgang Korngold und die Kammersinfonie op. 110a von Dmitri Schostakowitsch. An diesem 27. Januar spielte die Zahl "27" auch eine weitere Rolle in Halle, wie Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados in der Konzertpause deutlich machte. Von einst über 1.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zu Halle blieben nach dem II. Weltkrieg gerade einmal 27 übrig. Schüler des "Johann Gottfried von Herder"-Gymnasiums Halle haben die Spuren des einst blühenden jüdischen Lebens in Halle recherchiert und berichteten über ihr Projekt "Jüdische Spuren in Halle", dessen Ergebnisse auch schon bei der Verlegung von Stolpersteinen in Halle Anwendung fanden.
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