Donnerstag, 17. Mai 2012
Halle (Saale), 01.12.2008 05:35 | eseppelt |
Un-heim-liches Halle
Jugendhilfe in Halle (Saale) - wie weiter?
(ens) Heiß her ging es am Freitagabend im Intercity-Hotel in Halle-Neustadt. Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) hatte Träger und Verwaltung zu einer Diskussionsrunde eingeladen, um über die allgemeine Situation der Jugendhilfe in der Saalestadt, das Fachkonzept und insbesondere die umstrittene Dienstanweisung, mit der Heimkinder vorrangig zurück in ihre Familien geschickt werden sollten und mit der die Stadt Halle (Saale) bundesweit für Schlagzeilen sorgte, zu debattieren. Dabei hat die Stadtverwaltung erstmals öffentlich Fehler eingestanden. Neben Klaus Roth, der sich mit seiner Start gGmbH für die Erstellung des aktuell gültigen Jugendhilfekonzepts der Saalestadt verantwortlich zeichnet, saßen auch Halles künftiger Sozialdezernent Tobias Kogge und Jugendamtsleiterin Katharina Brederlow im Podium. Auf Trägerseite waren unter anderem St. Georgen, der Internationale Bund und ProFamilia vertreten. Verzichten mussten die rund 150 Besucher aber auf Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados, die trotz Anündigung nicht da war.
Träger bangen um Zukunft
Nicht direkt betroffen von der Dienstanweisung war das Jugendzentrum Sankt Georgen, wie Dagmar Jacob erläuterte. Die indirekten Auswirkungen habe man aber schon zu spüren bekommen, die Zahlen der stationären Hilfe seien zurückgegangen. Der Stadtverwaltung und Klaus Roth warf sie vor, nicht die Familien im Blick gehabt zu haben. "Die Intention damals war die Haushaltseinsparung.” Die Zusammenarbeit mit der Basis des Jugendamts bezeichnete Jacob als gut. Doch insbesondere Struktur und Steuerung würden fehlen. Zur bisherigen Arbeit sagte Jacob, "wir waren einmal bundesweit ganz weit vorne und beispielgebend. Warum hat man das aufgegeben und baut die Jugendhilfe um?”, fragte sie.
Sehr heftig zu spüren bekam hingegen der Internationale Bund, der seit 12 Jahren auch in Halle tätig ist, die Auswirkungen des Fachkonzepts und der Dienstanweisung. Auch bei den betroffenen Jugendlichen habe das für Unruhe gesorgt, sagte Ronald Sittinger vom IB. "Die Jugendlichen wussten nicht was aus ihnen wird.” Und auch wenn Klaus Roth sein Fachkonzept als Ratschläge verstanden wissen will, "Ratschläge sind immer auch Schläge”, so Sittinger. Freie Träger und Jugendamt müssten gemeinsam nachdenken, "wie man eine Prävention einrichten kann die den Namen auch verdient.” Denn, so Sittinger, "Prävention zum Nulltarif gibt es nicht.”
Bei ProFamilia hat vor allem die Tatsache für Verwunderung gesorgt, dass ein 17 Jahre währender guter und effektiver Prozess durch einen Paradigmenwechseln quasi über den Haufen geworfen wurde, erklärte András Magyar. Schon damals sei das Credo gewesen, dass ein Heim kein Ziel sondern ein notwendiges Mittel ist. Nun sei eine große Planungsunsicherheit entstanden, niemand wisse wie es genau weitergeht. Immerhin eine kleine Verbesserung hat Magyar eigenen Angaben zufolge ausmachen können. So sei es zu einer engeren Vernetzung mit dem Bereich Gesundheit gekommen, ein wichtiges Instrument für das Frühwarnsystem - doch nicht unbedingt dem Fachkonzept geschuldet entstanden, sondern durch bundesweite Entwicklungen. Magyar warnte auch davor, die Hilfen zur Erziehung weiterhin zum Sparziel zu machen. "Wir haben es mit Menschen zu tun. Das sind keine Gegenstände wie Autos.” Es dürfe nicht zu Debatte stehen das zunächst geschaut wird wie Hilfe organisiert werden kann. Stattdessen müsse schnell geholfen werden.
Als Problem sahen die Träger auch an, dass oft aus Geldmangel der günstigste Anbieter genommen werde. Dieser greife dann, um Kosten zu sparen, zumeist auf ungelernte Kräfte zurück. Die Stadt Dormagen wurde als positives Beispiel für die Jugendhilfe genannt. Dort werde jedes Kind von einem Profi aufgesucht. Die braucht man auch in Halle, allerdings hier um das System neu aufzustellen. "Da liegt noch einiges im Argen!”, so Michael Böwer, Kinderrechtsbeauftragter beim DBSH. Von der Stadt forderte er mehr Fairness im Umgang mit den Trägern, was auf Zustimmung im Publikum stieß, das laut applaudierte. Böwer allerdings beobachtet auch mit Sorge den zunehmenden Einsatz von ABM-Kräften, eine Problematik die auch später noch einmal zur Sprache kam. Werden Fachkräfte durch Ungelernte ersetzt? Nein, meint Tobias Kogge. Schließlich sei das rechtlich gar nicht möglich.
Jugendamt will fortbilden
Katharina Brederlow, amtierende Jugendamtsleiterin der Stadt Halle (Saale), hob die ihrer Meinung nach gute Arbeit des Amtes und des Jugendbereichs hervor. "Prävention bedeutet uns viel”, ließ sie die Anwesenden wissen. Und auch wenn Familienbildungsstätten und Jugendzentren freiwillige Aufgaben sind, wolle sich die Stadt nicht davon trennen. "Für uns gibt es im Jugendhilfegesetz keine freiwilligen Aufgaben.” Brederlow nannte auch noch einmal Zahlen. So gebe es rund 40.000 Kinder und Jugendliche bis 21 Jahren in der Saalestadt. 344 von ihnen werden stationär, also in Heimen betreut. "Das sind so viel wie 2004.” Hinzu kämen 261 Pflegefamilien. Daneben würden 378 Familien ambulant von Sozialarbeitern betreut, ein Anstieg um 27 Fälle. Handlungsbedarf sieht Brederlow noch im Bereich Fortbildung. Deshalb solle nun ein Fortbildungskonzept für die Mitarbeiter des Jugendamts entwickelt werden. Schon im letzten Jahr habe man dafür um mehr Mittel gebeten, sei aber gescheitert. Für 2009 sieht die Amtsleiterin aber etwas freudvoller hinaus, immerhin sind im Haushaltsansatz statt 82 nun 90 Mio. Euro eingeplant. Der Jugendhilfebereich ist damit einer der wenigen Bereiche, der nicht von Kürzungen betroffen ist - zumindest augenscheinlich. Denn blickt man hinter die Kulissen, zeigt sich ein anderes Bild. Vor allem Personalkostensteigerungen und die Rücknahme des HzE-Sparziels greifen hier. In den Haushaltsberatungen standen außerdem die Fortbildungsmittel schon wieder auf dem Prüfstand. Und eine Streichliste - laut Stadtverwaltung nur mögliche Varianten - könnte ebenfalls am Budget knabbern. "Von der Liste begeistert sind wir nicht”, sagte die Jugendamtsleiterin, die sich für ihre Fortbildungsprogramm um Drittmittel kümmern will. Immer wieder steht das Jugendamt auch unter Verdacht, viele Entscheidungen hinter verschlossenen Türen zu treffen. Künftig wolle man außerdem den Jugendhilfeausschuss stärker in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Daneben ist laut Brederlow auch eine engere Kooperation mit dem Landesjugendamt und der Universität vorgesehen. Und auch wenn es Fehler gegeben habe, die Grundsatzausrichtung bleibe die Gleiche. Man halte auch weiterhin am Fachkonzept fest, so Brederlow. In diesem Zusammenhang bedauerte Brederlow auch, dass ihr Amtsvorgänger Lothar Rochau nach der Dienstanweisung ins negative Licht gerückt wurde. Dabei habe dieser die Jugendarbeit in Halle mit aufgebaut.
Fehler passieren?
Während der Diskussion sagte Tobias Kogge, er erlebe in der Saalestadt ein Jugendamt und Freie Träger, die mit Herz und Seele dabei sind. Doch man tue so, als ob der Jugendhilfeprozess in Halle einzigartig sei. Dabei sei das bundesweit so, dass die Zahl der Fälle steige. In seiner künftigen Arbeit sieht er deshalb vor allem das Problem, dass die Gesellschaft immer weiter auseinander driftet. Kinderarmut und Ausgrenzung sind dabei ein Thema. Letzteres sicher auch an die Freien Träger gerichtet. Denn laut Kogge sind in den Kitas des Eigenbetriebs 58 Prozent aller Kinder Nichtzahler, bei den Freien Trägern nur 48 Prozent. Kinder, die wegen des schlechten Umgangs aus ihren Familien genommen werden - oder aus Kostengründen vielleicht doch zu Hause bleiben müssen. Genau das ist eine der Befürchtungen, und traurige Beispiele von Vernachlässigung gibt es zuhauf. Doch auch bei Todesfällen werde er weiterhin hinter seinen Mitarbeitern stehen, so Kogge. Kritisch sag Kogge, dass die Jugendhilfe offenbar immer die Schwarzen Peter zugeschoben bekommt. "Nicht die Jugendhilfe hat die Schulverweigerer erzeugt.”
"Fehler passieren, aber man sollte nicht darauf rumreiten”, sagte Kogge zur zurückgenommenen Dienstanweisung und warnte vor Schadenfreude. Auch aus anderen Bereichen wie dem Außenministerium kenne er Dienstanweisungen, die zurückgenommen worden. Dies sei also etwas ganz Normales. Kogge hob zudem seine offenbar erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre hervor. Demnach gelte Dresden, hier war Kogge jahrelang Sozialdezernent, mittlerweile als kinderfreundlichste Großstadt und fünftinnovativste Region Deutschlands. Dabei habe man dort in all den Jahren die Ausgaben ständig gekürzt. Doch den zahlreichen anwesenden halleschen Stadträten gab er mit auf den Weg, in den anstehenden Haushaltsberatungen Mut zu beweisen.
Wie Kogge HalleForum.de gegenüber erklärte, sei ihm die Jugendhilfe der Saalestadt bereits seit 15 Jahren ein Begriff. Gemeinsam mit den Freien Trägern wolle er sich im neuen Jahr die Rahmenbedingungen für die Hilfen zur Erziehung anschauen. Dann solle ausgehandelt werden, was man will. "Es kann aber keine Wunder geben”, so Kogge. Das Fachkonzept selbst brauche noch etwas Zeit. Deutlich machte der Politiker aber, dass man sich nicht an der Vergangenheit orientieren solle, sondern in die Zukunft gucken müsse. Seinem Amtsvorgänger Dr. Hans-Jochen Marquardt bescheinigte Kogge eine gute Arbeit.
Proaktiv oder Prävention
Proaktive Systeme statt Prävention, darauf baut das von Klaus Roth und seiner Start GmbH erstellte Fachkonzept auf, das im Mittelpunkt der Kritik der Freien Träger steht und Auslöser für die im vergangenen September erlassene Dienstanweisung war. Unter hämischen Gelächter zitierte Roth Lexika-Beiträge, was einen der Gäste zu dem Kommentar hinreisen ließ, eigentlich wisse niemand was proaktiv überhaupt bedeuten solle. Für Roth aber ist alles klar, bei proaktiven System wird vorher agiert statt reagiert. Roth wies noch einmal daraufhin, dass er das Konzept nach einem Stadtratsbeschluss entwickelt hat, der ein auf Entsäulung basierendes Fachkonzept forderte. So habe er die Entsäulung des Amtes vorangetrieben, in den Kindergärten seien bereits erste positive Auswirkungen des Fachkonzepts zu Erkennen. Schützenhilfe bekam Roth von Prof. Roland Merten von der Uni Jena. Das Grundproblem sei, egal was Roth auch tue, er stehe unter dem Generalverdacht, es nur aus fiskalischen Gründen zu machen. Dabei sei die Wechsel von stationär zu ambulant, also Heim zu Pflegefamilie oder Eltern, eine vernünftige Grundlage. Es sei kein Kuddel-Muddel-Konzept, wie vielfach vorgeworfen worden sei. Doch das beste Konzept nütze nichts, wenn die die es umsetzen sollen nicht mittragen. Merten sieht aber auch das Land in der Pflicht. "Wenn das Land so weiter macht, kann es die Kommune in die Knie zwingen." Fragwürdig für mehrere Besucher war allerdings die Tatsache, dass Merten seine Tätigkeit als Berater des Jugendamts verschwieg. Seit August ist er in diesem Bereich tätig und erhielt von den Teamleitern bereits mehrseitige Dossiers über die Zustände in der halleschen Jugendhilfe. Am Freitag war davon allerdings keine Rede, stattdessen bezeichnete sich Merten selbst als Außenstehenden und verlor doch die ein oder andere Kritik. So fielen Worte wie "fachlich inkompetent" in Bezug auf die aktuelle Situation, grundsätzlich aber hält er die Richtung Roths für richtig. Und Mertens machte einiges Einsparpotenzial aus. So gebe es eine Untersuchung, allerdings an thüringischen Kitas, wonach ein Drittel der Aufgaben auch von niedrigqualifizierten Arbeitnehmern ausgeführt werden können, was ebenfalls zu Kosteneinsparungen führen würde. Doch Mertens stellte auch die Frage in den Raum, das möglicherweise falsch qualifiziertes Personal für die längeren HzE-Betreuungszeiten in Halle sorge.
Immer wieder kam im Rahmen der Diskussion von den offiziellen Trägervertretern, aber auch aus dem Publikum die Frage, warum man sich vom funktionierenden System überhaupt getrennt hat. Doch ob das alte System überhaupt funktionabel war, daran zweifelte Jugendamtsleiterin Katharina Brederlow. So habe es damals zwischen dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) und zwei weiteren Abteilungen des Jugendamtes so gut wie keine Kommunikation gegeben. Das sei bereits besser geworden, allerdings noch nicht gleichmäßig gut.
Sparziel nicht zu schaffen
Mehrfach angesprochen wurden während der rund zweistündigen Veranstaltung die zahlreich anwesenden Stadträte, Sabine Wolff (Neues Forum) griff deshalb zum Mikrofon und wies daraufhin, dass sie bereits seit Jahren dem Einsparungsziel skeptisch gegenüberstehe, mehrfach in den Haushaltsberatungen darauf hingewiesen habe. Ihrem Vorschlag, die Position aus dem Haushalt herauszustreichen, sei man aber bei der Verabschiedung des Haushalts im letzten Jahr nicht gefolgt. Verwundert sei sie über die Darstellung des Fachkonzepts durch die Jugendamtsvertreter, sagte die ehrenamtliche Politikerin. Denn das sei ungefragt durch den Stadtrat beschlossen worden. An die im Haushaltskonsolidierungskonzept festgeschriebenen 4 Mio. Euro Einsparungen bei den Hilfen zur Erziehung habe sie nie geglaubt, auch anderen Räten sei es so gegangen. Mehrere kritische Anfragen ihrer Fraktion zu diesem Thema seien nie beantwortet wurden. Die Stadt habe einen Fehler gemacht und nun müsse man sich fragen wie es weiter geht. Doch Wolff gibt nicht Stadt und Fachkonzept allein die Schuld. "Wir werden von Bund und Land allein gelassen.” Verwunderung bei Wolff auch über Roths Freude über einen schnell genehmigten Nachtragshaushalt für die HzE-Leistungen. Denn den hat es bis dato nie gegeben, auch wenn ihn einige Stadträte gern gesehen hätten. "Wir haben das Geld stattdessen immer aus anderen Bereichen genommen", so Wolff.
Zwei Stunden lang wurde friedlich und auch kontrovers diskutiert. Und am Ende wäre es beinahe noch zu einer unschönen Schlammschlacht gekommen. Kogge kritisierte, dass Interna aus dem Jugendamt in die Öffentlichkeit getragen worden, und sprach dabei direkt Johannes Herwig-Lempp, beziehungsweise dessen im Jugendamt tätige Lebensgefährtin an. Vor Vertrauensbruch war die Rede. "Eigentlich fühlen wir uns auch nicht angegriffen, auch wenn Herr Kogge genau dies vielleicht damit versuchte”, so Herwig-Lempp gegenüber HalleForum.de. Es zeige aber den Stil, "auf den wir uns offenbar bei ihm gefasst machen dürfen.”
Wirkliche Probleme wurden an diesem Abend nicht gelöst, aber Träger und Verwaltung haben einmal - zumindest teilweise - offen miteinander geredet. Und deutlich wurde auch, dass selbst ein Umsteuern in der Jugendpolitik ein Hauptproblem nicht lösen kann: längere Arbeitslosigkeit gilt mit als Auslöser für Verwahrlosung. Und steigende Arbeitslosenzahlen drohen in Halle bereits. Die Arbeitsagentur hat davor gewarnt, dass im Zuge der Finanzkrise Schluss ist mit den zurückgehenden Zahlen der vergangenen Monate. Für Halle könnte sich das im sozialen Bereich zur Misere entwickeln, schon jetzt liegt man bei der Kinderarmut deutschlandweit auf Platz zwei direkt hinter Hoyerswerda.
Träger bangen um Zukunft
Nicht direkt betroffen von der Dienstanweisung war das Jugendzentrum Sankt Georgen, wie Dagmar Jacob erläuterte. Die indirekten Auswirkungen habe man aber schon zu spüren bekommen, die Zahlen der stationären Hilfe seien zurückgegangen. Der Stadtverwaltung und Klaus Roth warf sie vor, nicht die Familien im Blick gehabt zu haben. "Die Intention damals war die Haushaltseinsparung.” Die Zusammenarbeit mit der Basis des Jugendamts bezeichnete Jacob als gut. Doch insbesondere Struktur und Steuerung würden fehlen. Zur bisherigen Arbeit sagte Jacob, "wir waren einmal bundesweit ganz weit vorne und beispielgebend. Warum hat man das aufgegeben und baut die Jugendhilfe um?”, fragte sie.
Sehr heftig zu spüren bekam hingegen der Internationale Bund, der seit 12 Jahren auch in Halle tätig ist, die Auswirkungen des Fachkonzepts und der Dienstanweisung. Auch bei den betroffenen Jugendlichen habe das für Unruhe gesorgt, sagte Ronald Sittinger vom IB. "Die Jugendlichen wussten nicht was aus ihnen wird.” Und auch wenn Klaus Roth sein Fachkonzept als Ratschläge verstanden wissen will, "Ratschläge sind immer auch Schläge”, so Sittinger. Freie Träger und Jugendamt müssten gemeinsam nachdenken, "wie man eine Prävention einrichten kann die den Namen auch verdient.” Denn, so Sittinger, "Prävention zum Nulltarif gibt es nicht.”
Bei ProFamilia hat vor allem die Tatsache für Verwunderung gesorgt, dass ein 17 Jahre währender guter und effektiver Prozess durch einen Paradigmenwechseln quasi über den Haufen geworfen wurde, erklärte András Magyar. Schon damals sei das Credo gewesen, dass ein Heim kein Ziel sondern ein notwendiges Mittel ist. Nun sei eine große Planungsunsicherheit entstanden, niemand wisse wie es genau weitergeht. Immerhin eine kleine Verbesserung hat Magyar eigenen Angaben zufolge ausmachen können. So sei es zu einer engeren Vernetzung mit dem Bereich Gesundheit gekommen, ein wichtiges Instrument für das Frühwarnsystem - doch nicht unbedingt dem Fachkonzept geschuldet entstanden, sondern durch bundesweite Entwicklungen. Magyar warnte auch davor, die Hilfen zur Erziehung weiterhin zum Sparziel zu machen. "Wir haben es mit Menschen zu tun. Das sind keine Gegenstände wie Autos.” Es dürfe nicht zu Debatte stehen das zunächst geschaut wird wie Hilfe organisiert werden kann. Stattdessen müsse schnell geholfen werden.
Als Problem sahen die Träger auch an, dass oft aus Geldmangel der günstigste Anbieter genommen werde. Dieser greife dann, um Kosten zu sparen, zumeist auf ungelernte Kräfte zurück. Die Stadt Dormagen wurde als positives Beispiel für die Jugendhilfe genannt. Dort werde jedes Kind von einem Profi aufgesucht. Die braucht man auch in Halle, allerdings hier um das System neu aufzustellen. "Da liegt noch einiges im Argen!”, so Michael Böwer, Kinderrechtsbeauftragter beim DBSH. Von der Stadt forderte er mehr Fairness im Umgang mit den Trägern, was auf Zustimmung im Publikum stieß, das laut applaudierte. Böwer allerdings beobachtet auch mit Sorge den zunehmenden Einsatz von ABM-Kräften, eine Problematik die auch später noch einmal zur Sprache kam. Werden Fachkräfte durch Ungelernte ersetzt? Nein, meint Tobias Kogge. Schließlich sei das rechtlich gar nicht möglich.
Jugendamt will fortbilden
Katharina Brederlow, amtierende Jugendamtsleiterin der Stadt Halle (Saale), hob die ihrer Meinung nach gute Arbeit des Amtes und des Jugendbereichs hervor. "Prävention bedeutet uns viel”, ließ sie die Anwesenden wissen. Und auch wenn Familienbildungsstätten und Jugendzentren freiwillige Aufgaben sind, wolle sich die Stadt nicht davon trennen. "Für uns gibt es im Jugendhilfegesetz keine freiwilligen Aufgaben.” Brederlow nannte auch noch einmal Zahlen. So gebe es rund 40.000 Kinder und Jugendliche bis 21 Jahren in der Saalestadt. 344 von ihnen werden stationär, also in Heimen betreut. "Das sind so viel wie 2004.” Hinzu kämen 261 Pflegefamilien. Daneben würden 378 Familien ambulant von Sozialarbeitern betreut, ein Anstieg um 27 Fälle. Handlungsbedarf sieht Brederlow noch im Bereich Fortbildung. Deshalb solle nun ein Fortbildungskonzept für die Mitarbeiter des Jugendamts entwickelt werden. Schon im letzten Jahr habe man dafür um mehr Mittel gebeten, sei aber gescheitert. Für 2009 sieht die Amtsleiterin aber etwas freudvoller hinaus, immerhin sind im Haushaltsansatz statt 82 nun 90 Mio. Euro eingeplant. Der Jugendhilfebereich ist damit einer der wenigen Bereiche, der nicht von Kürzungen betroffen ist - zumindest augenscheinlich. Denn blickt man hinter die Kulissen, zeigt sich ein anderes Bild. Vor allem Personalkostensteigerungen und die Rücknahme des HzE-Sparziels greifen hier. In den Haushaltsberatungen standen außerdem die Fortbildungsmittel schon wieder auf dem Prüfstand. Und eine Streichliste - laut Stadtverwaltung nur mögliche Varianten - könnte ebenfalls am Budget knabbern. "Von der Liste begeistert sind wir nicht”, sagte die Jugendamtsleiterin, die sich für ihre Fortbildungsprogramm um Drittmittel kümmern will. Immer wieder steht das Jugendamt auch unter Verdacht, viele Entscheidungen hinter verschlossenen Türen zu treffen. Künftig wolle man außerdem den Jugendhilfeausschuss stärker in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Daneben ist laut Brederlow auch eine engere Kooperation mit dem Landesjugendamt und der Universität vorgesehen. Und auch wenn es Fehler gegeben habe, die Grundsatzausrichtung bleibe die Gleiche. Man halte auch weiterhin am Fachkonzept fest, so Brederlow. In diesem Zusammenhang bedauerte Brederlow auch, dass ihr Amtsvorgänger Lothar Rochau nach der Dienstanweisung ins negative Licht gerückt wurde. Dabei habe dieser die Jugendarbeit in Halle mit aufgebaut.
Fehler passieren?
Während der Diskussion sagte Tobias Kogge, er erlebe in der Saalestadt ein Jugendamt und Freie Träger, die mit Herz und Seele dabei sind. Doch man tue so, als ob der Jugendhilfeprozess in Halle einzigartig sei. Dabei sei das bundesweit so, dass die Zahl der Fälle steige. In seiner künftigen Arbeit sieht er deshalb vor allem das Problem, dass die Gesellschaft immer weiter auseinander driftet. Kinderarmut und Ausgrenzung sind dabei ein Thema. Letzteres sicher auch an die Freien Träger gerichtet. Denn laut Kogge sind in den Kitas des Eigenbetriebs 58 Prozent aller Kinder Nichtzahler, bei den Freien Trägern nur 48 Prozent. Kinder, die wegen des schlechten Umgangs aus ihren Familien genommen werden - oder aus Kostengründen vielleicht doch zu Hause bleiben müssen. Genau das ist eine der Befürchtungen, und traurige Beispiele von Vernachlässigung gibt es zuhauf. Doch auch bei Todesfällen werde er weiterhin hinter seinen Mitarbeitern stehen, so Kogge. Kritisch sag Kogge, dass die Jugendhilfe offenbar immer die Schwarzen Peter zugeschoben bekommt. "Nicht die Jugendhilfe hat die Schulverweigerer erzeugt.”
"Fehler passieren, aber man sollte nicht darauf rumreiten”, sagte Kogge zur zurückgenommenen Dienstanweisung und warnte vor Schadenfreude. Auch aus anderen Bereichen wie dem Außenministerium kenne er Dienstanweisungen, die zurückgenommen worden. Dies sei also etwas ganz Normales. Kogge hob zudem seine offenbar erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre hervor. Demnach gelte Dresden, hier war Kogge jahrelang Sozialdezernent, mittlerweile als kinderfreundlichste Großstadt und fünftinnovativste Region Deutschlands. Dabei habe man dort in all den Jahren die Ausgaben ständig gekürzt. Doch den zahlreichen anwesenden halleschen Stadträten gab er mit auf den Weg, in den anstehenden Haushaltsberatungen Mut zu beweisen.
Wie Kogge HalleForum.de gegenüber erklärte, sei ihm die Jugendhilfe der Saalestadt bereits seit 15 Jahren ein Begriff. Gemeinsam mit den Freien Trägern wolle er sich im neuen Jahr die Rahmenbedingungen für die Hilfen zur Erziehung anschauen. Dann solle ausgehandelt werden, was man will. "Es kann aber keine Wunder geben”, so Kogge. Das Fachkonzept selbst brauche noch etwas Zeit. Deutlich machte der Politiker aber, dass man sich nicht an der Vergangenheit orientieren solle, sondern in die Zukunft gucken müsse. Seinem Amtsvorgänger Dr. Hans-Jochen Marquardt bescheinigte Kogge eine gute Arbeit.
Proaktiv oder Prävention
Proaktive Systeme statt Prävention, darauf baut das von Klaus Roth und seiner Start GmbH erstellte Fachkonzept auf, das im Mittelpunkt der Kritik der Freien Träger steht und Auslöser für die im vergangenen September erlassene Dienstanweisung war. Unter hämischen Gelächter zitierte Roth Lexika-Beiträge, was einen der Gäste zu dem Kommentar hinreisen ließ, eigentlich wisse niemand was proaktiv überhaupt bedeuten solle. Für Roth aber ist alles klar, bei proaktiven System wird vorher agiert statt reagiert. Roth wies noch einmal daraufhin, dass er das Konzept nach einem Stadtratsbeschluss entwickelt hat, der ein auf Entsäulung basierendes Fachkonzept forderte. So habe er die Entsäulung des Amtes vorangetrieben, in den Kindergärten seien bereits erste positive Auswirkungen des Fachkonzepts zu Erkennen. Schützenhilfe bekam Roth von Prof. Roland Merten von der Uni Jena. Das Grundproblem sei, egal was Roth auch tue, er stehe unter dem Generalverdacht, es nur aus fiskalischen Gründen zu machen. Dabei sei die Wechsel von stationär zu ambulant, also Heim zu Pflegefamilie oder Eltern, eine vernünftige Grundlage. Es sei kein Kuddel-Muddel-Konzept, wie vielfach vorgeworfen worden sei. Doch das beste Konzept nütze nichts, wenn die die es umsetzen sollen nicht mittragen. Merten sieht aber auch das Land in der Pflicht. "Wenn das Land so weiter macht, kann es die Kommune in die Knie zwingen." Fragwürdig für mehrere Besucher war allerdings die Tatsache, dass Merten seine Tätigkeit als Berater des Jugendamts verschwieg. Seit August ist er in diesem Bereich tätig und erhielt von den Teamleitern bereits mehrseitige Dossiers über die Zustände in der halleschen Jugendhilfe. Am Freitag war davon allerdings keine Rede, stattdessen bezeichnete sich Merten selbst als Außenstehenden und verlor doch die ein oder andere Kritik. So fielen Worte wie "fachlich inkompetent" in Bezug auf die aktuelle Situation, grundsätzlich aber hält er die Richtung Roths für richtig. Und Mertens machte einiges Einsparpotenzial aus. So gebe es eine Untersuchung, allerdings an thüringischen Kitas, wonach ein Drittel der Aufgaben auch von niedrigqualifizierten Arbeitnehmern ausgeführt werden können, was ebenfalls zu Kosteneinsparungen führen würde. Doch Mertens stellte auch die Frage in den Raum, das möglicherweise falsch qualifiziertes Personal für die längeren HzE-Betreuungszeiten in Halle sorge.
Immer wieder kam im Rahmen der Diskussion von den offiziellen Trägervertretern, aber auch aus dem Publikum die Frage, warum man sich vom funktionierenden System überhaupt getrennt hat. Doch ob das alte System überhaupt funktionabel war, daran zweifelte Jugendamtsleiterin Katharina Brederlow. So habe es damals zwischen dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) und zwei weiteren Abteilungen des Jugendamtes so gut wie keine Kommunikation gegeben. Das sei bereits besser geworden, allerdings noch nicht gleichmäßig gut.
Sparziel nicht zu schaffen
Mehrfach angesprochen wurden während der rund zweistündigen Veranstaltung die zahlreich anwesenden Stadträte, Sabine Wolff (Neues Forum) griff deshalb zum Mikrofon und wies daraufhin, dass sie bereits seit Jahren dem Einsparungsziel skeptisch gegenüberstehe, mehrfach in den Haushaltsberatungen darauf hingewiesen habe. Ihrem Vorschlag, die Position aus dem Haushalt herauszustreichen, sei man aber bei der Verabschiedung des Haushalts im letzten Jahr nicht gefolgt. Verwundert sei sie über die Darstellung des Fachkonzepts durch die Jugendamtsvertreter, sagte die ehrenamtliche Politikerin. Denn das sei ungefragt durch den Stadtrat beschlossen worden. An die im Haushaltskonsolidierungskonzept festgeschriebenen 4 Mio. Euro Einsparungen bei den Hilfen zur Erziehung habe sie nie geglaubt, auch anderen Räten sei es so gegangen. Mehrere kritische Anfragen ihrer Fraktion zu diesem Thema seien nie beantwortet wurden. Die Stadt habe einen Fehler gemacht und nun müsse man sich fragen wie es weiter geht. Doch Wolff gibt nicht Stadt und Fachkonzept allein die Schuld. "Wir werden von Bund und Land allein gelassen.” Verwunderung bei Wolff auch über Roths Freude über einen schnell genehmigten Nachtragshaushalt für die HzE-Leistungen. Denn den hat es bis dato nie gegeben, auch wenn ihn einige Stadträte gern gesehen hätten. "Wir haben das Geld stattdessen immer aus anderen Bereichen genommen", so Wolff.
Zwei Stunden lang wurde friedlich und auch kontrovers diskutiert. Und am Ende wäre es beinahe noch zu einer unschönen Schlammschlacht gekommen. Kogge kritisierte, dass Interna aus dem Jugendamt in die Öffentlichkeit getragen worden, und sprach dabei direkt Johannes Herwig-Lempp, beziehungsweise dessen im Jugendamt tätige Lebensgefährtin an. Vor Vertrauensbruch war die Rede. "Eigentlich fühlen wir uns auch nicht angegriffen, auch wenn Herr Kogge genau dies vielleicht damit versuchte”, so Herwig-Lempp gegenüber HalleForum.de. Es zeige aber den Stil, "auf den wir uns offenbar bei ihm gefasst machen dürfen.”
Wirkliche Probleme wurden an diesem Abend nicht gelöst, aber Träger und Verwaltung haben einmal - zumindest teilweise - offen miteinander geredet. Und deutlich wurde auch, dass selbst ein Umsteuern in der Jugendpolitik ein Hauptproblem nicht lösen kann: längere Arbeitslosigkeit gilt mit als Auslöser für Verwahrlosung. Und steigende Arbeitslosenzahlen drohen in Halle bereits. Die Arbeitsagentur hat davor gewarnt, dass im Zuge der Finanzkrise Schluss ist mit den zurückgehenden Zahlen der vergangenen Monate. Für Halle könnte sich das im sozialen Bereich zur Misere entwickeln, schon jetzt liegt man bei der Kinderarmut deutschlandweit auf Platz zwei direkt hinter Hoyerswerda.
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