Donnerstag, 17. Mai 2012
Halle (Saale), 27.04.2008 00:30 | eseppelt |
Kunst statt Konsum
Einar Schleef, Orpheus und 48 Karat in Halle (Saale)
(ens) Am 14. April 2007 schlossen sich nach einem radikalen Räumungsverkauf die Türen des Karstadt-Kaufhaufes in der Mansfelder Straße in Halle (Saale) endgültig. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Sprayer das Haus für sich entdeckten und ihre Tags anbrachten. Wenig später gingen die ersten Scheiben zu Bruch. Nach einem Jahr ist nun – zumindest temporär – neues Leben in den einstigen Konsumtempel eingezogen. Mit „Einar Schleef. Der Maler“, „48 Karat“ und „Orpheus in der Unterwelt“ sind seit Samstag gleich drei Kunstprojekte im früheren Kaufhaus zu sehen.
Einar Schleef. Der Maler
2004 hat die Stiftung Moritzburg 156 Gemälde und über 6.000 Zeichnungen als Dauerleihgabe erhalten, 90 Prozent des Gesamtwerks von Schleef. Ausgestellt davon werden 90 Gemälde und 250 Zeichnungen und umfassen die Jahre von 1964 bis 2001 mit Werken aus der Studienzeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und aus der Meisterschülerzeit an der Akademie der Künste zu Berlin. Aber auch die freien Arbeiten, besonders der 80er und 90er Jahre in Frankfurt/Main und West-Berlin, sind berücksichtigt. Herausgehoben sind die späten Werke zu „Deutschland“, Schleefs „Tagebuchbilder", die Reihe der „Telefonzellen“ aus den 80er Jahren, außerdem sind Stillleben, Illustrationen, Landschaften und Interieurs, Porträts, Bilder zu Theaterthemen und das zeichnerische Werk in seiner stilistischen und thematischen Entwicklung zu sehen. Ein Selbstbildnis Schleefs – 15 Jahre soll er dabei alt gewesen sein – rundet die Schau ab. „Fluchtpunkt und Appell“ nannte Kurator Michael Freitag die Inszenierung, die mit Schleefs späten Werken beginnt und sich kontinuierlich an den Beginn seines Schaffens vorarbeitet. Parallel zur Ausstellung gibt es Lesungen, Vorträge, Szenische Aufführungen, Filmvorführungen, Podiumsgespräche und museumspädagogische Veranstaltungen. Auch ein Katalog mit 288 Seiten und 257 Abbildungen ist erschienen.
48 Karat
Halle stellt sich gern als die Kulturhauptstadt dar. Ihren Anteil daran haben auch die Studenten der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein. Denn sie machen einen nicht unerheblichen Anteil der Stipendiaten aus, die von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in den letzten Jahren gefördert wurden und nun ihre Werke der Öffentlichkeit präsentieren. Lange haben die Ausstellungsarchitekten überlegt, wie sie die Schau inszenieren wollen. Die Rede war unter anderem von eigenen Räumen für jeden Künstler. Eine Idee, die dann doch wieder verworfen wurde und auf altbewährtes gesetzt wurde. Denn orientiert hat man sich bei der Anordnung am Rosengarten der Burg Giebichenstein. Jeder der 41 Stipendiaten, die ihre Kunstwerke präsentieren, bekam dabei eine eigene kleine Box. Und mancher Stipendiat nutzte diese Möglichkeit bis auf den letzten Fleck aus, gestaltete seinen eigenen „Ausstellungsflecken“ aufwendig. 7 weitere Künstler präsentieren im Rahmen der Schau ihre Filme, Musik oder Literatur. So außergewöhnlich wie der Ort, so außergewöhnlich sind auch die Werke. Malerei und Grafik gehören ebenso dazu wie Buch- und Medienkunst, Keramik, Fotografie und Design, Mode, Schmuck, Tapeten, Fortbewegungshilfen für Behinderte. Franca Bartholomäi zeigt in der Ausstellung ihre Druckgrafiken. Und mit denen hat sie bereits während ihres Stipendiatenaufenthalts in New York für Aufsehen gesorgt, zwei Werke konnte sie dort gleich an einen Galeristen verkaufen. Florian Bielefeldt, Stipendiat im Kaukasus, präsentiert seine comicartigen Zeichnungen und Beate Eismann verschiedenen Schmuck. Eine weitere Künstlerin hat eine eigene Tapete aus feingewebten Stoffen und einer oxidierenden Metallschicht entwickelt. Die Anordnung der Ausstellung soll dabei an den Rosengarten der Burg Giebichenstein erinnern. Begleitend finden jeden Samstag um 15 Uhr Künstlergespräche statt, auch Informationsveranstaltungen sowie Seminare sind vorgesehen. Höhepunkte der Ausstellung werden eine Uraufführung des Dokumentarfilms „Taste of Home“ am 8. Mai, eine Buchpräsentation, eine szenische Lesung sowie ein "Fest der Sinne" sein.
Orpheus in der Unterwelt
Götter-Olymp und Hades bestimmen das Bild im ehemaligen Technik-Center. Dort wagt sich das Thalia Theater Halle auf ganz neues Terrain und produziert seine erste Operette, "Orpheus in der Unterwelt". In der klassischen Variante wird es "Orpheus" aber nicht geben. Denn die Inszenierung steht unter dem Motto "Halle singt". Und so werden auch die Solo-Partien von Chören übernommen - unter anderem vom Stadtsinge-, Schuhmann-, A-Cappella- und Kinderchor sowie Joy'N'Us, dem Mädchenchor der KGS Humboldt und dem Jugendchor der Paulus-Gemeinde. Der jüngste Sänger ist dabei 8, der älteste bereits 80 Jahre alt. In neuem Gewand präsentieren sich auch die Musikstücke der Operette - unter anderem mit Jazzversionen. Pluto, der Herrscher der Unterwelt, erscheint gar als Rapper. Offenbachs Operette, die wohl erfolgreichste des 19. Jahrhunderts, wird viel zu oft als seichte Unterhaltung ohne Tiefgang präsentiert. Aber sie ist eine raffiniert-musikalische Form der Gesellschaftskritik, sind sich die Initiatoren sicher, tauchen doch die Konstellationen des mythischen Orpheus-Stoffes auf, und gewinnen vor dem Hintergrund der spätbürgerlichen Gesellschaft neue Gestalt. Aus dem gottgleichen Sänger wird ein zwar begabter, aber spießbürgerlicher Gesangslehrer, dem die Frau davonläuft; aus den olympischen Göttern werden menschliche, allzu menschliche Politiker. Insgesamt 150 Beteiligte führen das Stück zum Erfolg. Geprobt wurde mehr als drei Monate, insgesamt 8 Vorstellungen sind vorgesehen. Der Zugang für die Zuschauer erfolgt über die frühere Laderampe. Der Olymp wird in Form eines riesigen Sandbergs (als Anspielung auf die Schüttberge in Schleefs Geburtsregion Sangerhausen) daherkommen.
Der Künstler
Einar Schleef wurde 1994 in Sangerhausen geboren und hat als Regisseur seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Geschichte deutscher Theaterproduktionen geprägt und polarisiert. Die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek stellte in einem Nachruf lakonisch fest: „Es hat in Deutschland (...) nur zwei Genies gegeben: im Westen Fassbinder, im Osten Einar Schleef.“ Schleefs Inszenierungen radikalisierten das Theater und trieben es aufführungstechnisch bis an den Rand des Vorstellbaren. Der Regisseur, Schauspieler und Bühnenbildner errang dabei Weltgeltung. Erwähnt sein soll ein Zitat aus Schleefs Tagebuch vom 16. Januar 1963: „Habe Halle entdeckt … ich möchte Regisseur werden, nicht Maler.“
Öffnungszeiten
Einar Schleef. Der Maler
26. April bis 20. Juli
Di, Do und Fr 12-19 Uhr
Mi 12-20.30 Uhr
So, So, Feiertags 10-19 Uhr
17. Mai 10-24 Uhr
48 Karat
26. April bis 29. Juni
Di-Fr 12-19 Uhr
Sa, So, Feiertags 10-19 Uhr
Orpheus in der Unterwelt
26. April 20 Uhr (Premiere)
27. April 15 Uhr
4. Mai 15 Uhr
9. Mai 20 Uhr
10. Mai 20 Uhr
23. Mai 20 Uhr
24. Mai 20 Uhr
25. Mai 15 Uhr

























Einar Schleef. Der Maler
2004 hat die Stiftung Moritzburg 156 Gemälde und über 6.000 Zeichnungen als Dauerleihgabe erhalten, 90 Prozent des Gesamtwerks von Schleef. Ausgestellt davon werden 90 Gemälde und 250 Zeichnungen und umfassen die Jahre von 1964 bis 2001 mit Werken aus der Studienzeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und aus der Meisterschülerzeit an der Akademie der Künste zu Berlin. Aber auch die freien Arbeiten, besonders der 80er und 90er Jahre in Frankfurt/Main und West-Berlin, sind berücksichtigt. Herausgehoben sind die späten Werke zu „Deutschland“, Schleefs „Tagebuchbilder", die Reihe der „Telefonzellen“ aus den 80er Jahren, außerdem sind Stillleben, Illustrationen, Landschaften und Interieurs, Porträts, Bilder zu Theaterthemen und das zeichnerische Werk in seiner stilistischen und thematischen Entwicklung zu sehen. Ein Selbstbildnis Schleefs – 15 Jahre soll er dabei alt gewesen sein – rundet die Schau ab. „Fluchtpunkt und Appell“ nannte Kurator Michael Freitag die Inszenierung, die mit Schleefs späten Werken beginnt und sich kontinuierlich an den Beginn seines Schaffens vorarbeitet. Parallel zur Ausstellung gibt es Lesungen, Vorträge, Szenische Aufführungen, Filmvorführungen, Podiumsgespräche und museumspädagogische Veranstaltungen. Auch ein Katalog mit 288 Seiten und 257 Abbildungen ist erschienen.
48 Karat
Halle stellt sich gern als die Kulturhauptstadt dar. Ihren Anteil daran haben auch die Studenten der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein. Denn sie machen einen nicht unerheblichen Anteil der Stipendiaten aus, die von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in den letzten Jahren gefördert wurden und nun ihre Werke der Öffentlichkeit präsentieren. Lange haben die Ausstellungsarchitekten überlegt, wie sie die Schau inszenieren wollen. Die Rede war unter anderem von eigenen Räumen für jeden Künstler. Eine Idee, die dann doch wieder verworfen wurde und auf altbewährtes gesetzt wurde. Denn orientiert hat man sich bei der Anordnung am Rosengarten der Burg Giebichenstein. Jeder der 41 Stipendiaten, die ihre Kunstwerke präsentieren, bekam dabei eine eigene kleine Box. Und mancher Stipendiat nutzte diese Möglichkeit bis auf den letzten Fleck aus, gestaltete seinen eigenen „Ausstellungsflecken“ aufwendig. 7 weitere Künstler präsentieren im Rahmen der Schau ihre Filme, Musik oder Literatur. So außergewöhnlich wie der Ort, so außergewöhnlich sind auch die Werke. Malerei und Grafik gehören ebenso dazu wie Buch- und Medienkunst, Keramik, Fotografie und Design, Mode, Schmuck, Tapeten, Fortbewegungshilfen für Behinderte. Franca Bartholomäi zeigt in der Ausstellung ihre Druckgrafiken. Und mit denen hat sie bereits während ihres Stipendiatenaufenthalts in New York für Aufsehen gesorgt, zwei Werke konnte sie dort gleich an einen Galeristen verkaufen. Florian Bielefeldt, Stipendiat im Kaukasus, präsentiert seine comicartigen Zeichnungen und Beate Eismann verschiedenen Schmuck. Eine weitere Künstlerin hat eine eigene Tapete aus feingewebten Stoffen und einer oxidierenden Metallschicht entwickelt. Die Anordnung der Ausstellung soll dabei an den Rosengarten der Burg Giebichenstein erinnern. Begleitend finden jeden Samstag um 15 Uhr Künstlergespräche statt, auch Informationsveranstaltungen sowie Seminare sind vorgesehen. Höhepunkte der Ausstellung werden eine Uraufführung des Dokumentarfilms „Taste of Home“ am 8. Mai, eine Buchpräsentation, eine szenische Lesung sowie ein "Fest der Sinne" sein.
Orpheus in der Unterwelt
Götter-Olymp und Hades bestimmen das Bild im ehemaligen Technik-Center. Dort wagt sich das Thalia Theater Halle auf ganz neues Terrain und produziert seine erste Operette, "Orpheus in der Unterwelt". In der klassischen Variante wird es "Orpheus" aber nicht geben. Denn die Inszenierung steht unter dem Motto "Halle singt". Und so werden auch die Solo-Partien von Chören übernommen - unter anderem vom Stadtsinge-, Schuhmann-, A-Cappella- und Kinderchor sowie Joy'N'Us, dem Mädchenchor der KGS Humboldt und dem Jugendchor der Paulus-Gemeinde. Der jüngste Sänger ist dabei 8, der älteste bereits 80 Jahre alt. In neuem Gewand präsentieren sich auch die Musikstücke der Operette - unter anderem mit Jazzversionen. Pluto, der Herrscher der Unterwelt, erscheint gar als Rapper. Offenbachs Operette, die wohl erfolgreichste des 19. Jahrhunderts, wird viel zu oft als seichte Unterhaltung ohne Tiefgang präsentiert. Aber sie ist eine raffiniert-musikalische Form der Gesellschaftskritik, sind sich die Initiatoren sicher, tauchen doch die Konstellationen des mythischen Orpheus-Stoffes auf, und gewinnen vor dem Hintergrund der spätbürgerlichen Gesellschaft neue Gestalt. Aus dem gottgleichen Sänger wird ein zwar begabter, aber spießbürgerlicher Gesangslehrer, dem die Frau davonläuft; aus den olympischen Göttern werden menschliche, allzu menschliche Politiker. Insgesamt 150 Beteiligte führen das Stück zum Erfolg. Geprobt wurde mehr als drei Monate, insgesamt 8 Vorstellungen sind vorgesehen. Der Zugang für die Zuschauer erfolgt über die frühere Laderampe. Der Olymp wird in Form eines riesigen Sandbergs (als Anspielung auf die Schüttberge in Schleefs Geburtsregion Sangerhausen) daherkommen.
Der Künstler
Einar Schleef wurde 1994 in Sangerhausen geboren und hat als Regisseur seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Geschichte deutscher Theaterproduktionen geprägt und polarisiert. Die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek stellte in einem Nachruf lakonisch fest: „Es hat in Deutschland (...) nur zwei Genies gegeben: im Westen Fassbinder, im Osten Einar Schleef.“ Schleefs Inszenierungen radikalisierten das Theater und trieben es aufführungstechnisch bis an den Rand des Vorstellbaren. Der Regisseur, Schauspieler und Bühnenbildner errang dabei Weltgeltung. Erwähnt sein soll ein Zitat aus Schleefs Tagebuch vom 16. Januar 1963: „Habe Halle entdeckt … ich möchte Regisseur werden, nicht Maler.“
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